Benimm ist in!
Ganz der Mutter Stolz ist der Sohnemann, wenn die Nachbarin voller Bewunderung sagt: “Dein Sohn ist immer so freundlich. Er grüßt mich jedes Mal.” Ganz der Mutter Scham ist der Sohn, wenn die Bekannte erzählt: “Du, dein Sohn war heute aber witzig drauf. Der ist durch’s Wohnzimmer gegangen und hat alle Schranktüren aufgemacht und mal eben nachgeschaut, was drin ist.” Uups.
Erlebt habe ich beides, und es handelte sich um ein und den selben Jungen. Ihm war bewußt, dass ich persönlich Wert darauf lege, dass wir uns bekannte Leute freundlich begrüßen, ihm war aber wohl nicht bewußt, dass man andrer Leute Schränke nicht öffnet. Ich war sehr dankbar darüber, dass mir die Bekannte den Hinweis gab, so konnte ich mit meinem Söhnchen darüber reden und ihm klar machen, dass solches Verhalten nicht tolerierbar ist. Privat ist privat.
Immer wieder erlebe ich in meinem Alltag, das manche Kinder Knigge fast beherrschen, während andere vom Benimm keine Ahnung haben. Da gibt es die Kinder, die sogar nach dem Essen ihren Teller in die Küche tragen, während andere nicht einmal wissen, wie sie Messer und Gabel halten sollen. Aber eins ist sicher: Die, die eine gewisse Etikette beherrschen, kommen besser zurecht, finden mehr freundlichen Zuspruch.
Vielleicht ist es einmal Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was mir persönlich als Elternteil wichtig ist, was mein Kind im Umgang mit anderen beherrschen sollte.
Ganz wichtig ist eine freundliche Begrüßung, mit Handreichung, Augenkontakt, einem festen “Guten Tag” oder “Hallo”. Es gibt einige Kinder, die eine solche Begrüßung nicht beherrschen. Nicht nur, dass ihnen der Ruf als kleiner “Stoffel” nachlaufen könnte, sie machen es sich vor allem selber schwer. Denn wer den Gast nicht begrüßt, der traut sich auch im weiteren Verlauf des Tages nicht ihm über den Weg zu laufen. Die Hürde ist nicht genommen.
Danke sagen. Das ist für manches Kind ein schweres Thema. Sie freuen sich über das Geschenk, aber das Danke kommt kaum über die Lippen. Vielleicht weil es ihnen an Selbstbewußtsein fehlt, sie peinlich berührt sind. Ich lege bei meinen Söhnen sehr viel Wert auf ein “Dankeschön” - und wenn sie sich einmal nicht sicher sind, können sie es nachholen, vis-a-vis oder telefonisch, denn wenn andere mir etwas Gutes tun, sollte es nicht unbemerkt untergehen.
Aber wie Dankesagen, wenn mir etwas nicht gefällt? Es gibt Kinder, denen liegt das Herz auf der Zunge und sie können an dieser Stelle nur schwer die Etikette wahren. Warum hier nicht einmal mit Kindern über Geschenke reden und bewußt machen, dass der andere etwas Gutes tun wollte. Ein Danke, weil der andere genau an mich gedacht hat, sollte nicht schwer fallen.
Tischmanieren. Das Essen zu Tisch ist für Kinder wohl eins der schwierigsten Erprobungsgebiete. Aus meiner Praxis kenne ich viele Teenies, die nicht wissen, wie sie mit Besteck umgehen sollen. Da werden Gabel und Messer mit der Faust ergriffen oder die Suppe mit dem Kopf direkt über dem Teller hängend geschlürft. Diese Jugendlichen kennen es nicht anders. Aber ich möchte nicht wissen, was für pikierte Blicke sie in der ersten Mittagszeit in der Ausbildung ernten. Meine Kollegen und ich haben mit ihnen Tischmanieren beim Mittagessen geübt. Meiner Meinung nach sollten diese in jedem Elternhaus trainiert werden. Wir tun unseren Kindern einen großen Gefallen, wenn wir ihnen ermöglichen, sicher in der Öffentlichkeit zu essen.
Ekliges Verhalten mag keiner gern. Klar, unter Gleichaltrigen mag man sich damit brüsten, aber in Wahrheit ist es sehr abschreckend und alles anderes als gesellschaftsfähig. Den Kaugummi um den Finger wickeln, die Finger ablecken, in der Nase popeln und die Popel vielleicht sogar essen, zwischen den Zehen pulen, rülpsen und pfurzen, das gehört sich nicht. Und Kinder sollten das wissen und sich daran halten. Da gibt es nichts zu diskutieren.
Schimpfwörter. Klar, die Kraftwörter mit dem analen Klang haben es in sich. Und jedes Elternteil ist erschrocken, wenn Sohn oder Tochter eben diese aus dem Kindergarten mitbringt. Das wichtigste ist hier die Vorbildfunktion der Elten. Wenn Eltern mit Ausdrücken um sich werfen, werden es die Kinder auch tun. Wenn zu Hause aber ein gewisser Umgangston herrscht, werden die Kleinen ihn adaptieren. Ich persönlich habe mich nie über Schimpfwörter aufgeregt, aber meine Kinder direkt im freundlichem Ton darauf hingewiesen, dass wir diesen Jargon in unserem Haus nicht pflegen. Sie haben es verstanden.
Und wenn das Verständnis mal nicht funktionieren will? Eine Freundin von mir hat eine Schimpfwörter-Strafkasse eingeführt. Für jedes ***** gibt es 10ct Bußgeld vom Taschengeld. Das tut weh.
Schlechte Laune. Die kennen wir alle. Es ist nicht in Ordnung diese raushängen zu lassen. Aber aus meiner Sicht sollten wir sie auch bei unseren Kinder akzeptieren. Jeder hat einmal einen schlechten Tag. In diesen Zeiten rate ich meinen Kindern sich zurück zu ziehen, sich eine Auszeit in ihrem Zimmer zu nehmen, wenn sie diese brauchen. Es kommt äußerst selten vor, aber ein liebevolles Wort, “mach es dir mal richtig kuschelig” ist verständnisvoll - und das Verständnis für die Situation bewirkt oft Wunder.
Buchtipp:
“Sag es, tu es - aber freundlich”
Ein Bilderbuch von Aliki
Deutsch von Sybil Gräfin Schönfeldt
arsEdition, ISBN 3-7607-1305-X











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