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Entschuldigung

19 Februar 2012 378 views No Comment

Entschuldigung sagen - so wichtig und doch oft auch so schwer.

Die kleine Lea hat in einem Wutanfall ihrer Freundin das Bild zerrissen, sitzt nun auf dem Stuhl, rutscht hin und her, windet sich, aber das kleine Wort “Entschuldigung” bringt sich nicht heraus. Oder Yannick, er hat gerade beim Fußball einem Mitspieler stark gefoult, mit Tritt ins Schienbein. “Tschuldigung” nuschelt er, reicht seinem Gegenüber die Hand und weg ist er schon.

In beiden Fällen geht es den geschädigten Kindern mit der Entschuldigung wahrscheinlich nicht gut. Aufrecht, eine ernst gemeinte Entschuldigung über die Lippen zu bringen, die der andere auch annehmen kann, das ist gar nicht so einfach.

Entschuldigung- was meint das Wort eigentlich? Bei einer Entschuldigung bitte ich den anderen darum, dass er mich von meiner Schuld befreit, der Schuld daran ihn verletzt zu haben, sein Eigentum beschädigt zu haben. Ich kann als Geschädigter diese Bitte annehmen und ihm seine Schuld erlassen oder aber ablehnen.

Ob Kindern diese Bedeutung bewusst ist? Meine Vermutung ist, dass sie viel mehr ein Geständnis damit verbinden: Ich habe etwas falsch gemacht. Grundsätzlich ist dies nicht verkehrt, bedeutet es doch, dass sie ihren eigenen Stolz überwunden haben  und zugeben im Unrecht zu sein. Das Kind, das als erstes “Entschuldigung” sagt, macht sich klein vor dem anderen.

Lea, die sich auf dem Stuhl windet, hat sehr wohl verstanden, dass sie etwas falsch gemacht hat. Aber ihr Stolz lässt noch nicht zu, dass sie um Entschuldigung bittet. Yannick auf dem Fußballfeld will schnell aus der Situation heraus und nuschelt die Entschuldigung wie eine kleine befreiende Zauberformel.

Aber ist es damit getan, dass das Wort “Entschuldigung” gesagt wurde?

Zuerst kommt es auf die Herzenshaltung an. Sehe ich ein, dass der andere durch mein Verhalten geschädigt oder verletzt wurde? Kann ich seinen Schmerz nachvollziehen? Und tut es mir leid, dass ich ihm diesen Schmerz zugefügt habe? In meiner Praxis in der Streitschlichtung bin ich dazu übergegangen, den Kindern die Worte “Es tut mir leid, dass ich ….” mit zu geben, weil sie viel mehr die innere Haltung ausdrücken, das Einsehen “Hier, das ist mein Fehler”. Dem geschädigten Kind fällt es nun viel einfacher auf den anderen zu zugehen: “Ok, ich verzeihe dir, du hast keine Schuld mehr mir gegenüber.” In den meisten von mir beobachteten Fällen verläuft die Klärung eines Konfliktes in dieser Art.

Es kann aber auch sein, dass das Kind seinem Gegenüber mitteilt: “Du, der Schmerz war so groß, ich brauche eine Wiedergutmachung.” Diese kann sehr unterschiedlich ausfallen: Zusammen den Schaden beseitigen, gemeinsame Spielzeit, ein selbstgemaltes Bild, ein Brief …

Lea kann sich dann doch überwinden, sagt ihrer Freundin, dass es ihr leid tut und hebt das zerrissene Bild auf. Sie schauen sich das Motiv an und malen gemeinsam ein neues Bild, das viel schöner wird. Und Yannick dreht sich noch einmal um und erkundigt sich, wie es dem getretenen Jungen geht.

Entschuldigung sagen - so schwer, weil ich meinen eigenen Stolz überwinden muss. Am ehesten lernen Kinder von ihren Vorbildern, von den Eltern mit denen sie täglich Umgang haben. Haben Sie sich schon einmal bei ihrem Kind entschuldigt, ihm gesagt, dass es Ihnen leid tut, weil Sie so ungeduldig mit ihm umgegangen sind?

Ich durfte vor kurzen erleben, wie ein Lehrer sich vor der Klasse bei einem kleinen Störenfried entschuldigte, weil er ihn am Tag zuvor vor der Klasse sehr laut zurecht gewiesen hat. Mich hat das sehr beeindruckt, weil dieser kleine Junge wahrscheinlich selten erlebt hat, dass ein Erwachsener sich bei ihm entschuldigt - und mich hat es beeindruckt, weil der Kollege sich nicht davor schämte, es in meiner Anwesenheit zu tun.

Wirklich groß ist der, der sich auch klein machen kann.

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