Kinder im Stress
“Kinder im Stress” - für mich passten früher diese Worte nicht zusammen: Kindsein, das bedeutet doch Spielen, Spaß haben, einfach nur Leben, sich entwickeln und auf ganz natürliche Weise heranwachsen. Stress - der ist doch den Erwachsenen vorbehalten. Sie gehen arbeiten, bekommen Aufgaben auferlegt, die sie nicht mal eben mit Links erledigen können und geraten dann in Stress.
Als ich selber zwei Söhne bekam, stellte ich spätetestens mit Eintritt in die Schule fest, dass das Leben für Kinder weit weniger rosig sein kann, als es mir aus der eigenen Erinnerung im Gedächtnis geblieben war:
Am Wochenende muss aufgearbeitet werden, was unter der Woche im Wochenplan nicht erarbeitet wurde. Statt Freizeit gibt’s dann Rechenaufgaben in Ausmalbildern verpackt - für kleine Jungs eine Qual. Die Schreibschrift ist nicht schön genug - die engagierte Lehrerin kopiert noch einmal einen Schreiblehrgang für die Ferien. Diktate mit ihren vielen Lernwörtern werden Woche für Woche geübt und geübt. Im dritten Schuljahr zieht das Lerntempo an, alle Schüler fit gemacht werden für die weiterführende Schule. So gibt’s neben dem längeren Stundenplan auf einmal noch mehr Hausaufgaben. Die Freizeit beginnt dann wirklich erst nach 16.00 Uhr - und das obwohl die 90 Minuten für die Hausaufgabenzeit eingehalten wurde. Abends wird noch einmal für “Antolin” (Online-Leseprgramm) gelesen oder eine Klassenarbeit vorbereitet. Die freie Zeit schrumpft dann schnell auf einen kümmerlichen Rest von 1,5 Stunden zusammen, die im schlimmsten Fall mit Schwimmverein, Musikunterricht oder ähnlichen verplant sind.
Eine Nachbarin bestätigte vor kurzem meinen Eindruck: “Während wir als Kinder noch nachmittags unsere Freunde besuchten, hocken unsere Kinder am Schreibtisch und pauken. Unbekümmert draußen spielen, dass ist bei unseren Kindern doch zur Seltenheit geworden.” Auch meine Jungs freuen sich, wenn sie nach getaner Arbeit noch einmal schnell nach draußen huschen können.
Kinder heute sind oft im Stress. Doch was heißt Stress eigentlich? Der Begriff stammt ursprünglich aus der metallverarbeitenden Industrie und bedeutete soviel wie “Anspannung” oder “Verzerrung” von Metallen oder Glas. Beim Menschen versteht man Stress als eine erhöhte physiche oder psychische Beanspruchung des Organismus und die daraus resultierenden Reaktionen. Kinder reagieren auf zu starke Beanspruchung mit Kopf- und Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, negative Gedanken, Schlaflosigkeit und Einschlafproblemen, Lustlosigkeit, Reizbarkeit, aggressiven Verhalten oder auch Angst.
So vielfältig wie die Reaktionen auf Stress sind auch die Ursachen. Sie sind keinesfalls nur in der Schule begründet, sondern können ihren Ursprung auch in anderen Bereichen des Lebens haben:
- Familie - Trennung der Eltern, das Zusammenleben mit neuen Familienmitgliedern z. B. in Patchworkfamilien, der Tod eines Familienmitgliedes, Arbeitslosigkeit der Eltern, Umzug, -alle Situationen, die eine Veränderung der bewährten Strukturen bewirken, bedeuten für Kinder Stress.
- Freizeit - Überforderung durch zu viele Freizeitaktivitäten (Sportvereine, Musikkurse, Nachhilfe u. ä.), insbesondere die Termine, die von den Eltern ohne Zustimmung des Kindes auch wenn mit einer guten Absicht geschehen, sind Stress für Kinder.
- Schule - Leistungsdruck in der Schule empfinden selbst Zweitklässler, nach dem auch hier wieder die Benotung der Tests eingeführt worden ist. Schulstrukturen, die Konkurrenz unter Schülern und eine Auslese fördern begünstigen das Auftreten von Stress.
Es ist wohl eine der wichtigsten Verantwortung der Eltern, ihre Kinder vor Stress zu schützen. Kinder fühlen sich den Ansprüchen, die von außen an sie herantreten oft hilflos ausgeliefert. Schon eine liebevolle Umarmung senkt ihren Stresspegel. Eltern helfen, wenn sie in schweren Zeiten akzeptieren und einfühlsam sind. So ist ein harmonisches Familienleben die beste Basis um als Kinde stressfrei heranzuwachsen.
Dem Stress bei ihren Kindern vorbeugen, können Eltern dadurch, dass sie auf einem gesunden Lebensstil achten. Kinder brauchen ausreichend Schlaf (im Grundschulalter mindestens 10 Stunden) - es raubt ihnen Energie, wenn sie abends noch mal eben einen Film im Fernsehen mitschauen können. Auch ausgewogenes Essen wirkt positiv auf das Immunsystem und stärkt Kinder. Es ist immer wieder überraschend, wie viele Kinder mittags keine warme Mahlzeit essen, weil ihre Eltern keine Zeit haben, da wird lieber schnelle eine Dose geöffnet oder eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben.
Kinder brauchen freie, ungestörte Spielphasen. Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft darf nicht dazu führen, dass Eltern zu allen möglichen Kursen schicken, nur um ihren Kindern noch mehr als die schulische Bildung angedeihen zu lassen: Englischunterricht, Musikschule, Sportverein, diverse Therapien, Nachhilfeunterricht. Im schlimmsten Fall endet es darin, dass Eltern die Kinder zu einem Kurs für autogenes Training oder progressive Muskelentspannung schleppen, damit sie lernen mit ihrem Stress umzugehen. Kinder benötigen Zeit zum freien Spiel, darin liegt ihre größte Entspannungsmöglichkeit. Es liegt in der Hand der Eltern mit ihren Kindern ein verünftiges Zeitmanagement zu entwickeln. Sie können mit ihren Kindern einen Zeitplan aufstellen: Aufgaben sammeln, das Lernpensum in Portionen einteilen, die zu bewältigen sind, Pausen einbauen und entspannende Beschäftigungen aussuchen. Kinder schaffen dies nicht von allein, sie benötigen Anleitung um ihre Zeit vernünftig zu managen. Eine Herausforderung - auch für die Eltern.











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