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Mein Kind wird gemobbt

19 November 2008 690 views One Comment

Adam klingelt dreimal kräftig an der Tür. Seine Mutter spürt wieder diese heftige Wut im Bauch. Wie oft hat sie ihm schon gesagt, er soll nicht so stürmisch klingeln? und öffnet die Tür. Adam drängt sich wortlos an ihr vorbei ins Haus, knallt den Schulranzen auf den Boden, wirft die Jacke daneben und trampelt in sein Zimmer. „Wie oft soll ich…?“ „Lass mich in Ruhe, ich habe genug Ärger.“ schreit er sie an und wirft die Zimmertür hinter sich zu. Seine Mutter beschließt einen Augenblick zu warten und klopft dann leise an die Tür. „Darf ich reinkommen?“ „Ja“ muffelt es ihr entgegen und zaghaft tritt sie ein. „Was ist passiert?“ fragt sie sanft und sieht sie die dicke Träne in seinem Augenwinkel schimmern.

Adam erzählt stockend, dass irgendjemand seine Bastelarbeit heute kaputt gemacht hat und seine Lehrerin ihm nicht glaubt, dass er keine Schuld daran hat. Stattdessen muss er heute Nachmittag alles noch einmal nacharbeiten. Die Spielzeit ist dahin.

Es ist nicht das erste Mal. Nicht das erste Mal, dass Adam eine Ungerechtigkeit dieser Art in seiner Klasse widerfahren ist. In ihr wächst der Verdacht, dass ihr Sohn von den Mitschülern gemobbt wird.

Mobbing. Der Begriff stammt von den Englischen Wort „mob“ ab, das bedeutet soviel wie „Pöbeln“. Fachleute unterscheiden zwischen den aktiven, körperlichen Mobbinghandlungen und den passiv, psychischen Mobbinghandlungen. Beide Formen sind sehr weitreichend.

Aktive, körperliche Mobbinghandlungen:

  • Jede Form der körperlichen Gewalt, z. B. Schläge in den Pausen,
  • Zerstören der Materialien, die im Unterricht erarbeitet worden sind,
  • Beschädigen von Kleidung
  • Diebstahl, Beschädigung von Gegenständen des Opfers
  • Erpressung von Schutzgeldern

Passiv, psychische Mobbinghandlungen:

  • Ausgrenzen von Schülern,
  • Zurückhalten wichtiger Informationen
  • Ignorieren und Schneiden des Opfers,
  • Auslachen,
  • verletzende Bemerkungen,
  • ungerechtfertigte Anschuldigungen,
  • Verpetzen,
  • Erfinden von Gerüchten,
  • Androhen von körperlicher Gewalt.

Für die Mobbingopfer entwickelt sich das Leben zu einem regelrechten Psychoterror. Sie wissen nicht wie sie ihm entkommen können und entwickeln viele psychosomatische Beschwerden, die im schlimmsten Fall zu Suizidgedanken ausarten oder sogar zum Selbstmord führen können. Studien über die jährlichen Selbstmordzahlen sagen, dass 20% von ihnen durch Mobbing ausgelöst wurden. Erste Anzeichen für Mobbing müssen darum ernst genommen werden.

Aber welche Warnzeichen können Eltern bei ihren Kinder beobachten, wenn sie gemobbt werden?

Das wohl wichtigste Zeichen ist, dass die Kinder nicht mehr zur Schule gehen möchten. Sie klagen über Kopfschmerzen und andere psychosomatische Beschwerden, wie Bauchschmerzen. Die Eltern können eine Leistungsabfall beobachten. Die Schüler leben zunehmend isoliert. Ihr Selbstbewusstsein schwindet.

Mobbing in der Klasse durchläuft vier Phasen:

In der ersten Phase ist eine erhöhte Konfliktbereitschaft zu beobachten. Zunächst handelt es sich eher um zufällige Konflikte. Schüler erleben, dass sie ungerecht behandelt werden. Auf der Suche nach einem Sündenbock trifft es immer den Gleichen. Er wird zunehmend aggressiver von seinen Klassenkameraden behandelt.

In der zweiten Phase wird das Opfer sowohl aktiv als auch passiv gemobbt. Es erlebt tagtäglich Angriffe und fühlt sich terrorisiert.

Die dritte Phase ist die Phase der Einmischung. Es können die Wogen geglättet werden, wenn von außen gezielt eingegriffen wird.

Die Phase vier ist das Ende. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder es ist ein trauriges Ende in dem das Opfer massive psychische Problem hat, die bis hin zum Selbstmord führen können, oder aber der Konflikt findet ein Happy-End. Der Mobbingfall wird gelöst.

Für Eltern ist es sehr schwer, in dieser Phase eine gewisse Gelassenheit zu wahren. Viel zu sehr fühlen sie sich mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter verbunden und möchten so gerne helfen, diesen Terror beenden. Sie empfinden eine große Wut über diese Ungerechtigkeit und möchten am liebsten dem Täter ihre Meinung sagen um in einem Kraftakt endlich dem Treiben ein Ende zu setzen. Aber genau das sollten sie nicht tun.

Es gibt einen Grundsatz: Konflikte, die in der Schule existieren, sollten auch in der Schule gelöst werden. Wenn Eltern das Gespräch mit dem Täter suchen, schwächen sie die Position des Opfers und lassen es zum „Muttersöhnchen“ oder “-töchterchen“ werden.

Dennoch können sie ihrem Kind in persönlichen Gesprächen Hilfestellungen geben. Ihrem Kind kann es hilfreich sein herauszufinden, was für Gründe die anderen haben, es zu mobben, und warum fühlt es sich gequält in der Situation. Entscheidend ist wie ihr Kind auf das Drangsalieren reagiert.

Mobber handeln aus Neid, Eifersucht, Wut, Angst, Unsicherheit oder auch Ohnmacht. Vielleicht fühlen sie sich in der Schule durch den Leistungsanspruch überfordert, oder sind gelangweilt, weil sie unterfordert sind. Vielleicht werden zu Hause überzogene Ansprüche an ihre Schulleistungen gestellt. Vielleicht herrscht aber auch ein gestörtes Klima in der Klasse, weil die Lehrer die Schüler nicht im Griff haben. Das Mobben wird so zum Entlastungsventil für die eigene Aggression. Die Täter können sich darüber Anerkennung von den anderen Klassenkameraden holen und alle Beteiligten empfinden ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Mobbing kann aber auch ein schlichter Missbrauch von Macht sein, weil die Klassenstrukturen es zu lassen. Letztendlich steht hinter jedem Mobber ein Täter der starke Minderwertigkeitsgefühle hat.

Mobber nutzen aus, dass ihre Opfer sich schwach fühlen. Würde das Opfer selbstbewusst auftreten und sich gegen derartige Angriffe verwahren, würden sie schnell die Lust an ihren Aktivitäten verlieren. Darum sollten Eltern im Gespräch ihrem Kind bewusst machen, dass es vor allem die eigenen Minderwertigkeitskomplexe sind, die es zum Spielball werden lassen. Aber diese hat Sohn oder Tochter gar nicht nötig, denn die anderen befinden sich keinesfalls in einer besser Position. Auch sie haben ihr eigene Last zu tragen. Eltern sollten ihrem Kind Mut machen, auf die eigenen Stärken hinweisen.

Einige Bespiele:

Wenn die anderen lachen, verstecken sie nur ihre eigene Unsicherheit.

Wenn sie das Opfer einen Streber nennen, ist das nicht tragisch, denn Streber sind erfolgreich.

Hat ihr Kind Angst vor Kritik, muss es sich nicht fürchten, denn nur durch Fehler kann man lernen.

Wenn die anderen Gerüchte verbreiten, sollte es diese ignorieren und sich besser seine eigenen Freunde suchen. Wenn es versucht gegen die Gerüchte anzukämpfen, wird es vermutlich verlieren.Greifen die Gerüchte hingegen seine Würde an, sind sie gar rassistisch oder sexistisch, dann braucht das Kind Hilfe von außen, denn solchen Treiben muss eine Ende gesetzt werden.

Schafft der Schüler es nicht, sich aus dieser Tyrannei zu befreien, sollten Eltern das Gespräch mit dem Lehrer suchen, ruhig ohne dem eigenen Kind. Solche Gespräche sind immer mit vielen Emotionen behaftet, darum ist es wichtig, dass Eltern vorher schriftlich Stichworte verfassen, damit sie sich sachlich mit der Problematik befassen können. Sehr hilfreich ist es, wenn ihr Kind vorher ein Mobbing-Tagebuch geführt hat, in dem genau verzeichnet ist, wann (Tag und Uhrzeit) ihm was widerfahren ist. Lehrer können nur gezielt intervenieren, wenn sie Fakten haben.

In dem Gespräch sollten Eltern sachlich schildern, was vorgefallen ist. Darüber sollte ein Gesprächsprotokoll angefertigt werden.

Weiterhin sollten sie im Gespräch gemeinsam mit dem Lehrer konkrete Strategien entwickeln. Laut dem Schulgesetz haben Eltern ein Recht auf Bildung für ihre Kinder. Mobbende Schüler hingegen verhindern dieses Recht in vielfältiger Form. Die Eltern sollten darauf bestehen, dass nicht dieser Mobbingfall in der Klasse thematisiert wird. Überhaupt sollte zunächst nicht ein bestimmter Fall in der Klasse besprochen werden, da Lehrer kaum die Möglichkeit haben einen bestimmten Fall nachzuweisen. Sie können vielmehr die Störungen in ihrer eigenen Arbeit zum Anlass nehmen und eingreifen.

Aber was können Eltern nun konkret von den Lehrern erwarten?

Als erstes ist es wichtig, dass in der Klasse Regeln existieren, die ein harmonisches Zusammensein erst möglich machen. Diese Klassenregeln sind für alle Schüler verbindlich. Es wird klar besprochen, welche Konsequenzen bei nicht Einhaltung drohen, zum Beispiel wird eine Entschuldigung und eine Wiedergutmachung erwartet. Falls sich der Konflikt nicht auflöst, kann ein Eintrag ins Klassenbuch erfolgen, dann die Klassenkonferenz und im schlimmsten Fall auch der Schulausschluss oder gar der Schulverweis. In konkreten Streitfällen zwischen Schülern können auch Lehrer eingesetzt werden, die eine Streitschlichterausbildung absolviert haben, um den Konflikt im kleinen Rahmen zu klären.

Eltern dürfen auch erwarten, dass die Lehrer Mobbing zum Thema machen, beispielsweise in einem Projekt mit dem Thema „die Würde des Menschen“. Die Schüler sollen hier aufgeklärt und sensibel gemacht werden für Mobbing.

Wenn nun mit dem Lehrer gemeinsam Strategien festgelegt worden sind, sollten auch notiert werden, welche Zusagen der Lehrer gemacht hat. Nach wenigen Tagen sollten die Eltern überprüfen, ob der Lehrer tatsächlich etwas unternommen hat. Wenn dies Vorgehensweise nicht hilft, bleibt nur der Gang zum Schulleiter, um mit ihm ein Gespräch herbei zu führen. Finden die Eltern hier kein Gehör, können sie sich bei dem Schulamt, der Schulaufsichtsbehörde melden. Einem gemobbten Schüler muss geholfen werden.

Es existieren gemeinhin immer noch Mythen über Mobbing. Lehrer hören nicht gerne, dass es an ihrer Schule Fälle von Mobbing geben soll. Studien haben jedoch bewiesen, dass einer von 10 Schülern gemobbt wird. Andere Lehrer geben zwar zu, dass Mobbing an ihrer Schule vorkommt, aber sie bezeichnen es als harmlos, als normale Zwistigkeiten zwischen Schülern. Mobbing-Opfer hingegen erleben körperlich und/oder seelische Verletzungen und soziale Isolation. Sie benötigen Hilfe von außen, denn meistens können sie sich nicht selbst wehren. Sie benötigen die Hilfe von Erwachsenen, die sie mit Ratschlägen unterstützen. Sie benötigen die Hilfe von Lehrern, die gemeinsam mit ihnen Hinschauen und Handeln.

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