Peng! Du bist tot.
Ich konnte mir nie vorstellen, dass meine Kinder einmal mit Spielzeugwaffen spielen würden. Ich lehne selber Gewalt ab, und Waffengewalt erst recht. So sah ich mich mit Sicherheit nicht in einem Laden, eine Pistole bezahlend. Dass ich diese Einstellung nicht besonders lange aufrechterhalten konnte, lehrte mich mein ältester Sohn bald.
Wir standen am Karnevalszug. Er, gerade mal zwei Jahre alt, nett zurecht gemacht als Kätzchen, strahlte den Leuten entgegen und bekam gerne von den Karnevalisten etwas zu gesteckt. Hier eine Kamelle, da ein Schokolädchen. Und dann kam ein großer Zwerg und schenkte ihm einen rosa Puppenfön. Er strahlte über das ganze Gesicht, war ganz hingerissen von dem Spielzeug in seinen Händen und rief vollmundig: „Piu, piu.“
So schnell geht das! Begeistert war ich keineswegs, aber ich sah ein, dass es nichts nutzt, wenn ich mich gegen Pistolen wehre und sie gar nicht erst in Haus lasse. Wenn Kinder mit Waffen spielen wollen, spielen sie es. Im Zweifelsfall zweckentfremden sie harmlose Gegenstände.
Oft erschreckt vor allem Mütter der Gedanke, dass ihre Kinder mit Spielzeugpistolen spielen. „Wird mein Kind gewalttätig, wenn es mit Waffen spielt?“, ist die Frage, die sie sich häufig stellen. Zur ihrer Beruhigung: Kinder wollen zunächst einmal haben, was andere Kinder besitzen. Und so will der Sohn, oder vielleicht sogar die Tochter ein Schwert, eine Pistole, weil der Freund oder Freundin aus dem Kindergarten auch eine hat. Ob man sich auf derartige Wünsche einlässt, bleibt jedem Elternteil selber überlassen. Auch meine Söhne wollten gerne Waffen haben, die der Nachbarsjunge gerade besitzt. Ich habe mich auf solche Wünsche eingelassen, habe sie aber auch abgelehnt. Eine Maschinenpistole beispielsweise habe ich rigoros verweigert, weil sie mir zu gewaltverherrlichend ist.
Und noch etwas zur Beruhigung: Wenn Kinder spielen, dann spielen sie in erster Linie. Ihnen geht es nicht darum zu verletzen oder gar zu töten. Im Spiel mit Spielzeugwaffen üben sie sich viel mehr in Angriff und Verteidigung, ohne dass sie sich tatsächlich näher kommen. Sie schleichen sich heran, überraschen einander, lassen ihre Kräfte spielen. Aber dem anderen weh tun wollen sie in der Regel nicht. Dabei erleben sie dieses Gefühl von Macht und Stärke, wenn sie die Spielzeugknarre auf den anderen richten. Sie haben den Eindruck, sie könnten den anderen gefügig machen. Und was für eine Begeisterung weckt es in ihnen erst, wenn der gegenüberstehende Erwachsene sogar mitspielt, sich ergibt, oder theatralisch zu Boden sinkt. Für einen Augenblick vergessen sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten, fühlen sich stark.
In dem Spiel ahmen Kinder nach, was sie erlebt bzw. was sie im Fernsehen gesehen haben. Oft ist es der Polizist, der als Erstes imitiert wird. Der Freund und Helfer, der für Ordnung sorgt, aber auch eine Pistole trägt. Dann folgen die rauen, wilden Cowboys, deren Kostüme gerne an Karneval getragen werden. Im Grundschulalter werden die Agenten auf einmal ganz hip, Jungs möchten einmal so sein wie James Bond. Kinder werden selber zu Actionhelden. Das gesehene Abenteuer wird lebendig und durch eigene Phantasie angereichert.
Große Phantasie, Kreativität und handwerkliches Geschick zeigen die Kinder auch bei der Herstellung ihrer Waffen: Da wird aus Lego eine Laserwaffe gebaut, eine Flasche wird zur Bombe, Stöcke verwandeln sich in Schwerter. Für sie müssen es nicht immer die industriell vorgefertigten Waffen sein, die mit ihrem realistische Aussehen bestechen. Mein Sohn beispielsweise lief in der Sylvesternacht die ganze Nachbarschaft ab, um die Raketenstäbe aufzusammeln. Am Ende hatte er über 40 Stück, und voller Eifer schnitzte er am Neujahrsmorgen mit seinem Taschenmesser daraus Pfeile. Sie sind sein ganzer Stolz.
Das Spiel mit Spielzeugwaffen ist nicht das Ergebnis einer falschen Entwicklung, verursacht durch zu hohen Medienkonsum. Auch in den vergangenen Jahrhunderten spielten Kinder mit selbst gefertigten Waffen aus Ästen. Auch sie übten sich in Angriff und Verteidigung, hatten große Vorbilder, die sie nachahmten, kämpften gegen das Böse, ließen das Gute siegen. Diese Polarisierung von Gut und Böse gehört zu kindlichen Entwicklung dazu, sie ist immer wieder im Spiel der Kinder zu beobachten. Es ist ihr manifestierter Wunsch, ihre Hoffnung an das Leben, dass am Ende immer das Gute siegen wird. Im Spiel stärken sie ihr Vertrauen, gewinnen innere Sicherheit.
Für Kinder ist es wesentlich wichtiger im Elternhaus zu lernen, dass Konflikte auch ohne Gewalt gelöst werden können, als dass ihnen durch ihre Eltern der Umgang mit Spielzeugpistolen verboten wird. Kinder, welche tagtäglich Gewalt in ihrer Familie erleben, werden mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit gewalttätig, als Kinder, die in einem friedfertigen Elternhaus leben.
Auch im Umgang mit einer Spielzeugpistole lassen sich einige soziale Verhaltensweisen, wie z.B. Rücksichtsnahme einüben. Ich habe mit meine Jungen damals ein paar Regeln vereinbart, die oft halfen, größere Streitigkeiten zu vermeiden:
- Richte niemals eine Pistole, auf jemanden der das nicht will.
- Wenn das Spiel einen Mitspieler ängstigt, darf er es mit Stop beenden.
- Halte die Pistole niemals direkt an den Kopf des anderen.
- Wechselt auch mal die Rollen. Es muss nicht immer der Schwächste aus der Gruppe der Böse sein, damit das Gute siegt.
Wenn Eltern dennoch Schwierigkeiten mit dem Kampfspiel ihrer Kinder haben, können sie den Waffenbesitz ihrer Kinder noch mit folgenden Möglichkeiten steuern:
- Sie können ihre Ablehnung gegenüber Kriegsspielzeug zeigen, in dem sie gar nicht erst welches anschaffen. Allerdings wird meistens das, was total von Seiten der Eltern verweigert wird, besonders interessant. Vielleicht ist es möglich, einen Kompromiss zu schließen und nur sehr wenig anzuschaffen, oder sich bei einem Freund eine Pistole auszuleihen.
- Sie können Freunde und Verwandte bitten, dem eigenen Kind kein Kriegsspielzeug zu schenken.
- Wenn Eltern nicht mit einem „bewaffneten“ Kind an einem Tisch sitzen möchten, können sie ihm ihre Gründe erklären und darauf bestehen, dass sie zum Essen abgelegt werden.











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